Ende September 2003: In einer Halle der Berliner Messe sitzen am späten Freitag Nachmittag sieben Kollegen im Hallenbistro, müde und wortleer von einer langen Messewoche. Ich freue mich, nach Wochen der Planung und den immer gleichen Gesprächen der letzten Tage ist der Stress endlich vorbei. Das Beste: Unsere Zimmer sind bis Sonntag gebucht. Die Geschäftsführung hatte uns zuvor angeboten bis Sonntag zu bleiben, um nach einer harten Woche Berlin zu genießen. Der Spaß konnte also starten.

„Treffen um 19.00 Uhr in der Lobby, dann gehen wir alle Essen.“ sagt Udo plötzlich, Kopf der Verkaufsmannschaft. „Bring doch deine Unterlagen für die neuen Kampagnenkonzepte mit, wir haben überlegt, das Wochenende für die Vorbereitung des Planungsmeeting am Dienstag zu nutzen. Der Alte soll ein Konzept vorgelegt bekommen, an dem er nicht vorbei kann.“

Was hat der gerade gesagt? Was wird aus unserem schönen Wochenende? Sofort ist mir klar: Macht’s ohne mich. Sollt ihr Vertriebsgenies euch doch selbst helfen und das Wochenende verderben. Mit sorgfältig gewählten Worten mach ich mich an die Verteidigung meines freien Wochenendes. Was würden wir nach dieser Woche schon auf die Beine stellen können? Es gibt Situationen, da muss man Stehvermögen beweisen und eine geplante Auszeit verschieben. Das hier war keine solche Situation.

Ich mache ihnen also klar, dass ich raus bin. Und dann beginnt nach der Rückkehr ins Hotel meine Aus-Zeit. Ich starte ungeplant in die Stadt und erwische mich im Einstein auf der Friedrichstraße dabei, als ich ein Hochglanz Fachmagazin lese, zur Vorbereitung auf das Planungsmeeting. Hatten mir die Protestanten aus der Verkaufsmannschaft mit ihrer verspäteten frühkapitalistischen Ethik tatsächlich ein schlechtes Gewissen gemacht?

In bester Manier eines Bahnreisenden lege ich das Magazin zur Seite, gewillt, es für den nächsten Gast liegenzulassen. Es steht fest – meine Aus-Zeit wird pflichtfrei.

Und es wird herrlich sinnlos. Ich verwerfe immer wieder Kurznachrichten, glotze im Sony Center einfach zwei Stunden an die Decke, bin Teil der Stadt, versuche einem betrunkenen Ami zu folgen, der mir erklären will, warum Hemmingway Berlin gehasst hat, schaue mir die Newton-Ausstellung an, verpasse ständig U-Bahnen und unterhalte mich in einer langen Samstag Nacht mit einem schweizer Botschaftsmitarbeiter in einer prächtig kiezigen Kneipe über seine Tochter in meinem Alter.

Geistig erholt sehe ich die anderen lediglich beim Frühstück und spüre leichten Neid. Alles richtig gemacht, denke ich.

Dienstags im Meeting dann der große Moment für Udo. Stolz verkündet er vor dem Alten zu Beginn, es gäbe ein fast fertiges Konzept. Der Alte guckt skeptisch, hört sich alles an, schweigt und denkt nach. „Ihr solltet mit ein paar Hostessen einen drauf machen am Wochenende und nicht so alte Kamellen zusammenschmieren. Und jetzt würd ich gern mit unserem Termin beginnen.“ In dem ich übrigens richtig gute Ideen hatte. Das Wochenende in Berlin hatte mich bei aller Pflichtlosigkeit inspiriert. Ein denkwürdiger Müßiggang.

Nichtstun und pflichtfrei sein: Welch herrliche Gedanken reifen in dieser geistigen Schwerelosigkeit. Aufsuchen der Muße führt nicht selten zu Geistesblitzen und herrlichem Unsinn. Zu Ideen und Taten, die Unbehagen in strebsamen Protestanten auslösen dürften und zudem schlecht in den Alltag passen. Der pure Spaß.

Reisen, sich ausprobieren, Architektur auf sich wirken lassen, Landpartie, Teil sein eines urbanen Momentes oder einfach nichts tun.

Dieses elektronische Werk soll genauso pflichtfrei Momente der Muße festhalten. Es lebe der Müßiggang in allen Facetten.

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